Der deutsche Film ist noch längst nicht gerettet, warnte der Regisseur İlker Çatak kurz vor der Berlinale (wo sein neuer Film „Gelbe Briefe“ im Wettbewerb läuft). In einem Gastbeitrag im „Spiegel“ erklärt Çatak dem Festivalpublikum, wie es eigentlich zugeht hinter all dem Glanz und Glamour, was es mit der Investitionsverpflichtung auf sich hat – und gerät zwischendurch fast sogar ins Träumen: „In der deutschen Filmbranche war die Stimmung zuletzt schlecht, um nicht zu sagen: miserabel. Nun, eine Woche vor Beginn des wichtigsten medienwirksamen Festivals, ist endlich ein ,Durchbruch’ erzielt worden. Jetzt können wir uns wieder alle in den Armen liegen. Vergessen, dass die Uneinigkeiten in den politischen Lagern über Jahre hinweg auf den Rücken der Teams ausgehandelt wurden. […] Seit Monaten wartete die ganze Branche auf klare, verbindliche Rahmenbedingungen. Doch was in den vergangenen Wochen geschah, hatte beinahe dramaturgische Qualitäten: Eine Branche begehrt auf, ein übermächtiger Gegner droht, kurz scheint es, als würde die Politik einknicken. Und dann geschieht etwas Seltenes: Gemeinsam halten wir stand.“ Doch ganz im Ernst – das ist nur eine Atempause, ohne ein Steueranreizsystem wird das alles nichts, fürchtet der Regisseur. Selbst öffentlich-rechtliche Sender lassen lieber in Nachbarländern produzieren, Fachkräfte finden keine Arbeit. „Aber es geht noch um etwas anderes: den Verlust kultureller Identität. Filme und Serien sind nicht nur Wirtschaftsgüter, sie sind Spiegel unserer Gesellschaft: Sie erzählen, wer wir sind, wie wir leben, wovon wir träumen. Wenn kleine und mittelständische Produktionsfirmen sterben, konzentriert sich die Macht auf wenige Große, deren Selbstverständnis oft vom ungetrübten, nüchternen Kapitalismus geprägt ist. Zahlen stehen hier an erster Stelle, nicht Inhalte oder die Selbstbestimmung von Künstlerinnen und Künstlern. Die Geschichten, die erzählt werden, unterliegen nur noch kapitalistischen Logiken und womöglich sogar einer Politik, die ihre Ausrichtung diktiert: Man denke an das aktionistisch dahingestellte Diversity-Papier von Amazon von vor einigen Jahren, das mit der Rückkehr Trumps prompt wieder einkassiert wurde. […] Diese großen Player haben keine echte Haltung, sie sind Fähnchen im politischen Wind, schauen einzig, dass das Image und der Profit stimmen. Sie scheren sich nicht um unsere kulturelle Vielfalt. Indes verlieren wir die Möglichkeit, unsere eigenen, eigensinnigen Geschichten in unseren Städten, unseren Milieus, unseren Welten zu erzählen, und damit einhergehend auch die Sichtbarkeit der eigenen Kultur.“
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