Übelnehmen im Ohrensessel

 
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BeitragVerfasst am: Sa Aug 26, 2006 3:45 am    Titel: Übelnehmen im Ohrensessel Antworten mit Zitat
Übelnehmen im Ohrensessel

Von Reinhard Mohr

Verdruckst-gemütliches Gespräch unter Freunden: Der Auftritt des wegen seiner Waffen-SS-Vergangenheit in die Kritik geratenen Schriftstellers Günter Grass bei Ulrich Wickert zeigte vor allem eines: die Unfähigkeit der Flakhelfer-Generation, Scham und Schuldgefühle angemessen zu artikulieren.


Seit fast einer Woche sieht man im Fernsehen alte Männer um die 80, die um Worte ringen. Sie sind berühmte deutsche Schriftsteller und waren lange Zeit Wortführer nicht nur ihrer Generation, sondern auch der gesamten intellektuellen Öffentlichkeit. Deshalb sprechen sie selbst jetzt noch vergleichsweise routiniert und eloquent.


Aber sie wirken dabei seltsam verhalten, störrisch, beinah weinerlich. Wie wird ihnen bloß wieder mitgespielt? Ob Walter Jens oder Martin Walser - stets fühlen sie sich irgendwie an den Pranger gestellt, missverstanden, ungerecht behandelt. Und das, obwohl ihre Bücher regelmäßig ganz vorne auf den Bestsellerlisten landen und die Kameras immer noch auf sie gerichtet sind. Frei nach Kurt Tucholsky: Die Generation Grass sitzt im Ohrensessel und nimmt übel.
Gestern Abend war der Meister selbst an der Reihe. In der extra vorgezogenen neuen ARD-Sendung "Wickerts Bücher" beantwortete Grass zum ersten Mal im Fernsehen nach seinem Aufsehen erregenden Interview mit der "FAZ" Fragen zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS, die er in seinem gerade erschienenen autobiografischen Werk "Beim Häuten der Zwiebel" nach über sechzigjährigem Verschweigen selbst offenbart hatte.
Wer hätte sich das noch vor zehn Tagen vorstellen können: Der linke deutsche Großschriftsteller und Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der Autor der "Blechtrommel", jahrzehntelang Wahlkampfhelfer des Nazi-Emigranten Willy Brandt, eine Art moralisches Gewissen der Nation, sieht sich gezwungen, eine halbe Stunde über seine bislang geheim gehaltene Vergangenheit als Soldat der Waffen-SS zu sprechen.
Dabei war von vornherein klar: Dies würde kein Fernsehverhör à la Michel Friedman werden, bei dem man anschließend die Feuerwehr zu Hilfe hätte holen müssen. Nein, "Tagesthemen"-Ikone Ulrich Wickert versuchte es mit einem netten Gespräch unter alten Freunden. Immerhin stellte er zu Anfang und dann noch ein paar Mal die entscheidende Frage nach dem späten Bekenntnis: "Warum erst jetzt?"
Merkwürdiges deutsches Kammerspiel


Grass, der wenigstens so klug war, die notorische Pfeife wegzulassen, das Symbol für die schmauchende Gemütlichkeit des linken Fortschrittsgeistes, wählte eine Mischung aus Martin Luther und Jürgen von Manger. Einerseits: Hier sitze ich und kann nicht anders, andererseits: Wiedergutmachung durch ein "schöneres Leben", wie es die Kabarettfigur mit dem Ruhrpott-Slang einst formulierte. Im Fall Grass: Läuterung durch das Werk. Lesen Sie mein Buch! Besser kann ich es auch nicht sagen.
So entwickelte sich auf der malerischen Veranda eines dänischen Luxushotels mit freiem Blick ins Grüne ein merkwürdiges deutsches Kammerspiel.
Der Mann, der ein Schriftstellerleben lang predigte "Wer schweigt, wird schuldig!", stets die Läuterung aller anderen im Visier hatte und jeden attackierte, der die Wahrheit auch nur im Ansatz "verdrängte", verharmloste oder umlog, flüchtete nun in Sätze wie "Es lag bei mir begraben". "Ich bin mir keiner Schuld bewusst." "Ich bin da hineingeraten ohne mein Zutun." "Ich wollte eines Tages im größeren Zusammenhang darüber schreiben." "Es ist mein Recht, jetzt erst zu sprechen." "Die SS-Runen lösten bei mir keinen Schrecken oder gar Entsetzen aus." "Jeder ist in seine Zeit hineingeboren."
Es waren Sätze, die er früher jedem anderen um die Ohren gehauen hätte.
Vielleicht hätte er einst noch selbst daran erinnert, dass auch Marcel Reich-Ranicki "in seine Zeit hineingeboren wurde". Der Unterschied: Als der 17-jährige Waffen-SSler Grass fanatisch an "Führer" und "Endsieg" glaubte, musste der ein paar Jahre ältere Reich-Ranicki im Warschauer Ghetto zur gleichen Zeit tagtäglich fürchten, "selektiert" und ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert zu werden - von jener SS, die Panzerschütze Grass damals für eine "Eliteeinheit" hielt. Vielleicht hätte er auch daran erinnert, dass die Geschwister Scholl in seinem Alter waren, als sie öffentlich gegen Hitler und die Nazidiktatur protestierten und dafür ihr Leben ließen.
Aber Grass kann nur noch über Grass reden. Über sich selbst und seine Zeit, in die er "hineingeboren" wurde. Was hätten wohl Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Alexander Mitscherlich zu dieser vulgärmaterialistischen Exkulpation gesagt, die es konsequenterweise zum Wunder erklären muss, dass damals andere 17-Jährige wussten, was die SS war und nicht einmal in die Nähe der Versuchung gerieten, bei dieser Bande von Folterknechten und Massenmördern mitzumachen?
Vergiftete Generation
Auch bei mehrmaligem freundlichen Nachfragen Wickerts, ob er nicht doch vielleicht schon früher seine SS-Mitgliedschaft hätte öffentlich machen können - etwa im Zusammenhang seiner "Rede von der Gewöhnung" in Israel 1967 oder im noch größeren Zusammenhang jenes heftig umstrittenen Besuchs von US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg 1985, der auch die Gebeine junger SS-Soldaten barg, verhielt sich Grass wie ein kleiner Junge. Ein Hauch Verlegenheit und "Weiß-nicht-Attitüde", ein bisschen Rotzigkeit und viel Erfahrung damit, wie man Worte drechselt. Allenfalls rutschte ihm ein "Ja, hätte ich sagen können ..." heraus.
Zwar akzeptiert er die Kritik am späten Zeitpunkt seines Bekenntnisses, doch Grass wäre nicht der polternde Präzeptor Germaniae, würde diesem kleinen persönlichen Schwächeanfall nicht sogleich der gewohnte Angriff folgen. Als "Unperson" fühle er sich "abgeurteilt" von all jenen, die es ihm nun heimzahlen wollten.
Dabei offenbarte dieses eigenartig verdruckst-gemütliche Gespräch vor allem eines: Die Generation Grass ist eine vergiftete Generation, eine Generation, die in der Schizophrenie lebt. Einerseits hat sie politisch und intellektuell mit der Nazi-Herrschaft radikal abgerechnet, andererseits ist sie nicht imstande, die eigenen und selbst eingestandenen, oft diffusen und zwiespältigen Scham- und Schuldgefühle ähnlich klar und unmissverständlich zu artikulieren. Lieber fühlt man sich als Opfer einer ungerechten Öffentlichkeit.
Exemplarisch ist dies in Martin Walsers Paulskirchenrede von 1998 deutlich geworden, als er nebulös von der "Instrumentalisierung unserer Schande" und der "Moralkeule" Auschwitz sprach und sich gleichsam als Opfer der Geschichte beschrieb - fast so, als würden die Millionen Ermordeten nun zu geisterhaften Tätern am schlechten Gewissen der Deutschen.
Deutscher Michel
In diesen Tagen zeigt auch Grass, dass ihm selbst fehlt, was er von anderen fordert, die raison d'etre der demokratischen Nachkriegsrepublik mit ihrer Losung "Nie wieder Auschwitz!": Persönlicher Mut, Zivilcourage, die Fähigkeit, die Wahrheit zu sagen, auch wenn es bitter weh tut. Im Extremfall: Widerstand zu leisten, wenn unterdrückt und gemordet wird.
"Es hat keinen Sinn, gegen den Moralapostel die Moral ins Feld zu führen", schrieb Arno Widmann in der "Berliner Zeitung". Einer der klügsten Sätze in der aktuellen Debatte. Aber eines kann man, muss man fordern: das bisschen Mut, das nötig ist, um überhaupt noch das Wort von Aufklärung und Wahrheit im Munde führen zu können. Vor über 60 Jahren war Grass ein junger deutscher Nazi, ein Führer-Gläubiger, ein Opportunist und Mitläufer.
Danach war er jahrzehntelang der Autor einer schonungslosen deutschen Vergangenheitsbewältigung.
Gestern Abend nun hat er sich als deutscher Michel gezeigt.
Eine Implosion.

siehe auch www.spiegel.de
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