Muss man Literatur lesen, um darüber zu urteilen? Und braucht man dabei die Literaturkritik? An der Comédie-Française kommt ein Stück von Peter Handke nicht auf die Bühne, weil die politische Haltung des Schriftstellers in Sachen Serbien missfällt. Das Stück selbst steht dabei dem Hörensagen nach gar nicht zur Debatte. In Düsseldorf soll dem Schriftsteller wenig später der Heinrich Heine-Preis zuerkannt werden, gerade, weil er so unbequem ist. Aber man liest in den Gazetten, dass nicht alle Juroren unbedingt sattelfest sind, wenn es um Handkes politische Positionen geht.
Muss man als normaler Feuilletonkonsument überhaupt noch etwas über Handke wissen? Reicht nicht einfach diese Berichterstattung, um jedes Vertrauen in die Relevanz von Literatur und von Literaturvermittlung in der Öffentlichkeit zu zerrütten? Denn eine Reminiszenz an die einstmals hochgeschätzte Ausübung eines gesellschaftlichen Wächteramtes durch Künste und Intellektuelle ist das ganz bestimmt nicht. Allenfalls, für alle Beteiligten und frei nach Karl Marx, die Wiederkehr dessen als Farce.
Nun geht es dabei jedoch im Kern um Literatur und um deren Kritik. Aber hört man bei dieser Show, die so tut, als sei sie ein kollektives Selbstgespräch in Sachen "moralischer Verantwortung", auch nur eine Stimme, die noch vernehmlich und ernsthaft über Texte redet? Ist das Feld nicht einfach ganz anderen Interessen überlassen worden, die sowohl Handke wie Heine für ihre Zwecke einspannen?
Inwieweit bezieht sich Fiktion auf die außerliterarische Welt?
Vor ein paar Wochen hat die literaturkritische Branche eine Art von Selbstverständnisdebatte ausgetragen. Und der Verdacht besteht, dass dieser interne Streit um Volker Weidermanns "Lichtjahre" einiges darüber verraten hat, warum die Literatur allem Anschein nach derart in der Defensive ist. Weil es wohl an umfassenderen Begriffen fehlt, mit denen man plausibel beschreiben könnte, wie sich literarische Fiktionen auf die außerliterarische Welt beziehen lassen. Idealtypisch zugespitzt gibt es derzeit die Emphatiker, die ihrer Begeisterung über ein Buch den Vorrang vor den Argumenten geben wollen, und auf der anderen Seite jene Exegeten des geschliffenen Wortes, die eher kühl "das sprachliche Kunstwerk", also den Zusammenklang von Worten, Sätzen und tieferen Bedeutungsebenen beschreiben wollen. Aber nichts von all dem hilft, wenn die Literatur freiwillig oder nicht in gesellschaftspolitische Zusammenhänge gerät, wenn Kunstwerke und Standpunkte quer zueinander stehen.
"Eine Dichtung lebt und entsteht nicht als Abglanz von irgendetwas anderem, sondern als in sich geschlossenes sprachliches Gefüge", heißt es 1948 im Vorwort zur ersten Auflage Wolfgang Kaysers Einführung in die Literaturwissenschaft, die den Topos vom "sprachlichen Kunstwerk" zum Titel gewählt und zum geflügelten Wort gemacht hat. "Das sprachliche Kunstwerk" war Ausdruck einer Hoffnung, die Literatur von weltanschaulichem Ballast zu befreien. Es war aber auch so etwas wie der Wunsch nach einem Ehrenplatz im Elfenbeinturm.
Kann es damit genug sein? Die Relevanz von Literatur beweist man damit jedenfalls nicht. Wenn das literarische Wort also nicht einfach nur übersehen oder schlimmer noch: von anderen Interessen vereinnahmt werden soll, dann braucht es mehr: Mut zur Theorie, zur Gesellschaftspolitik, zum Wildern in fremden Gärten - denn andere wildern ebenfalls. Im Zweifelsfall braucht es auch den dazu gehörigen Mut zur Lücke. Denn "Öffentlichkeit" heißt ja auch, das man vor aller Augen pokern kann.
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