Zum Tod von Peter-Michael Riehm

 
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BeitragVerfasst am: Do Jan 25, 2007 11:26 pm    Titel: Zum Tod von Peter-Michael Riehm Antworten mit Zitat
Zum Tod von Peter-Michael Riehm

von Torsten Brandes



Lebenslauf

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.
Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?
Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Daß ich wüsste, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.
Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.
(Hölderlin)



Conclusio

Peter-Michael Riehm (*15.2.1947 †20.1.2007)

Welche Worte sind wohl diesem guten Menschen, der ganz darin aufging, anderen Menschen zu ihrem Glück zu verhelfen, würdig?

Zwischen uns gab es eine stillschweigende Abmachung: „Wenn das, was man sagen will nicht besser ist als die Stille, dann schweige.“ Dies galt gleichwohl für das Gespräch und das Komponieren. Denn beides, gesprochenes Wort und Musik, war für ihn die ganz persönliche Mitteilung an seine Mitmenschen, aus der Stille seines Herzens. Peter-Michael Riehm war ein “Sänger“, einer, der sein geistiges Lot in den Welten klang senkte, den Ursprung der Musik in der Stille zu erfahren. In seinen Vorlesungen bezauberte er die Menschen für die Welt der reinen Schönheit, für Wahrheit. Er verbreitete diese innere Stille in der bewegten Außenwelt und bewahrte dabei ihren Ausdruck der menschlichen Freiheit ohne jemals etwas vorzutäuschen. Das zwischenmenschliche Verhältnis offenbarte sich bei ihm nicht als Theorie, sondern unmittelbar im Eingehen auf den Zustand seines Gegenübers. Die Anerkennung fremden Schmerzes war ihm eines der höchsten Anliegen. Bescheidenheit und Zurücknahme waren echte und wirkende Eigenschaften. Entsprechend war jede seiner Vorlesungen eine Offenbarung: das bewusste Erkennen des Lichtes jedes neuen Tages!
Wer, wenn nicht dieser Freund der Menschen, war mehr dazu berufen, zu uns zu sprechen?

„Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechslungen übereinzustimmen, die große Aufgabe seines Daseins ist“, schreibt Schiller im vierten seiner Ästhetischen Briefe. Deshalb war Peter-Michael Riehms Wirken so aktuell, da er sich fortwährend mit der Frage auseinandersetzte, woher die Verbesserung im Politischen kommen soll, wenn die Regierungen korrupt und die Massen degeneriert sind. Und er gelangte zu der auch heute noch gültigen schillerschen Erkenntnis, dass die Verbesserung im Politischen nur durch die Veredlung des Einzelnen erreicht werden kann. Diesem Wissen entsprechend, sprach er sich gegen jegliche Form der Instrumentalisierung aus. Er wusste, was zu tun war in einer Zeit, in der der Zeitgeist die Identität der meisten Menschen in den Bereich der physischen Existenz und der sinnlichen Erfahrung herunterzieht. Sein besonderer Beitrag bestand darin, nicht nur die Vernunft, sondern eben auch eine Methode entwickelt zu haben, wie die Gefühle des Menschen veredelt werden können. Sein pädagogisches Konzept der Musikerziehung, das sich als Menschenbildung durch Musik verstanden wissen möchte, wird mittlerweile (nicht nur) an vielen Waldorfschulen weltweit zur Grundlage des Musikunterrichtes gemacht, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass viele Studenten seine Lehre wie ein Evangelium in die Schulen tragen, dass tausende Schüler positiv geprägt wurden und werden durch die praktische Umsetzung seiner Lehre.

Jenes Entdecken von Neuer Musik zum Beispiel und damit das Entdecken von der Unbegrenztheit schöpferischer Möglichkeiten öffnete die Empfindung der aktuellen Lebens – und Gefühlssituation. Durch die erstmalig bewusst wahrgenommene Auflösung der Tonalität und damit der Bewusstwerdung, dass Werte, die man sich selbst geschaffen oder die man innerhalb unserer Gesellschaft als stabil und unumstößlich kennen gelernt und angewendet hatte, nicht stabil, sondern veränderbar waren, wurde uns Lernenden der Stellenwert des Subjektiven offenbar gemacht.

Auch nach dem Studium war er für seine ehemaligen Studenten da und stand uns mit Rat und Tat zur Seite. Erkannte er neue Impulse, nahm er sie auf und trug sie entsprechend weiter. Bei Problemen nahm er uns als ganzen Menschen in den Arm, tadelte nicht oder kritisierte, sondern ließ uns seine Nähe spüren und zeigte uns durch diese Geste einen Weg für Lösungen. Eine warmherzige und zugleich ergreifende Art, Freundschaft in der Vielfältigkeit des täglichen Lebens zu beweisen.

Peter-Michael Riehms früher Tod macht uns alle tief betroffen. Wir trauern, aber wir werden sein Erbe hüten wie ein heiliges Licht, wie eine ewig klingende Quinte, die er, wie kann es eigentlich anders sein, mitten in seinem Namen trug.



Kurzbiographie

Prof. Peter-Michael Riehm wurde am 15.2.1947 in Karlsruhe geboren. Von 1968 bis 1974 studierte an der Musikhochschule seiner Heimatstadt Schulmusik, Klavier bei Naoyuki Taneda sowie Musiktheorie/Komposition bei Eugen Werner Velte. Als Stipendiat der Darmstädter Ferienkurse besuchte er Kurse bei Karlheinz Stockhausen, Yannis Xenakis u. a. 1978 wurde er mit dem Förderpreis für junge Komponisten der Stadt Stuttgart ausgezeichnet. Während der folgenden langjährigen Tätigkeit zunächst als Musiklehrer an der Tübinger Freien Waldorfschule, später als Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik in Stuttgart sowie als Lehrbeauftragter, danach Professor für Musiktheorie an der Musikhochschule Karlsruhe entwickelte er ein integrales pädagogisches Konzept der Musikerziehung, das sich als Menschenbildung durch Musik verstanden wissen möchte und mittlerweile an vielen Waldorfschulen weltweit zur Grundlage des Musikunterrichtes gemacht wurde. Vortragsreisen führten ihn u. a. in die USA, nach Russland und Japan. Sein kompositorisches Schaffen umfasst zahlreiche Klavierstücke, Lieder und Kammermusik sowie Chor- und Orchester werke. Ein Schwerpunkt gilt dabei dem pädagogischen Schreiben, aus dem eine umfangreiche Zahl von Liedern, Chor- und Instrumentalstücken, Essays und Aufsätze zur Musikpädagogik hervorging.

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