Skandal oder Sturm im Wasserglas? - Der Fall Günter Grass

 
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
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BeitragVerfasst am: Do Aug 17, 2006 3:40 am    Titel: Skandal oder Sturm im Wasserglas? - Der Fall Günter Grass Antworten mit Zitat
Der Fall Günter Grass

Skandal oder Sturm im Wasserglas?

Mit seinem Bekenntnis, als Siebzehnjähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat der Nobelpreisträger weltweit die Wellen hoch schlagen lassen. Seine Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" entfacht bereits Wochen vor Erscheinen leidenschaftliche Debatten.



"aspekte extra" stellt zum ersten Mal das Buch vor, über das alle reden, das aber kaum jemand kennt. Wir fragen nach, wie das Bekenntnis in Deutschland aufgenommen wird und präsentieren das Echo aus dem Ausland von Warschau über Israel bis London. Es mehren sich die Stimmen, dass Grass seinen Nobelpreis für Literatur zurückgeben soll.

Echo aus dem In- und Ausland
Lesen Sie hier ausschnittweise aktuelle Reaktionen deutscher und ausländischer Künstler, Politiker und Wissenschaftler:

Martin Walser über das "Bewältigungsklima" in Deutschland: "Ich verstehe, dass er das nicht öffentlich gemacht hat. Ich verstehe das sehr gut. [...] Es ist ein Klima der Vergiftung und Verdächtigung. Es ist kein meinungsfreies Klima [...] solche Markierungen, die haften dir dann an [...] diese SS-Marke. Da hätte jeder Depp dauernd davon anfangen können."

Freiwilliges Bekenntnis
Rolf Hochhuth, auf die Frage, wie sehr Grass als moralische Instanz beschädigt sei: "Ich finde, überhaupt nicht. Ich habe ihn in Schutz genommen. Ich stehe unter der Gnade der späten Geburt. Ich bin nämlich vier Jahre jünger. Und deshalb habe ich über seine SS-Mitgliedschaft den Mund zu halten. [...] Abgesehen davon: Er hätte es freiwillig ja gar nicht herauslassen müssen. [...] Was ich ekelhaft finde, so habe ich es auch geschrieben, ist, dass er sich über Bundeskanzler Kohl ereifert hat, weil der den Soldatenfriedhof Bitburg mit dem amerikanischen Präsidenten besuchte, wo Hunderte von Amerikanern und Deutsche liegen und darunter auch 49 SS-Männer. Wie leicht hätte Grass der 50. sein können."

Egon Bahr, auf die Frage, ob er von Grass enttäuscht sei: "Nein, warum sollte ich. Ich finde, in der Diskussion muss man erstens einmal unterscheiden zwischen Waffen-SS und SS. Und vielen Leuten, wahrscheinlich insbesondere in Polen, ist das nicht klar. Also kann ich das verstehen, dass das in Polen einen höheren Gefühlswert, auch der Enttäuschung, hat. [...] Ich kann das nicht sehen, weil die Waffen-SS praktisch eine Wehrmachtsfunktion gehabt hat, wehrmachtsähnlicher wurde. [...]
Politische versus literarische Kompetenz
Jedenfalls er hat ja daraus bisher kein Geheimnis gemacht. Er hat es ja nicht künstlich verborgen gehalten. Jedermann hätte das wissen können. In Frankreich ist es schon gedruckt worden, vor einigen Jahren im FIGARO. Da hat sich niemand in Deutschland für interessiert. [...] Das ist für mich der Beweis dafür, dass die literarische Kompetenz noch nicht automatisch bedeutet, dass man eine politische Kompetenz, Klarsichtigkeit, Freiheit von Irrtum hat."

Mario Adorf, auf die Frage, ob Grass sich schuldig gemacht habe: "Dass er Mitglied der Waffen-SS war, ist - aus damaliger Sicht - auf keinen Fall ein Verbrechen, eine Schuld; also darum kann es gar nicht gehen. Deswegen versteht man auch diese große Aufregung gar nicht. Ein Junge von 17 wurde damals automatisch zur Waffen-SS gesteckt, nach dem 20.Juli 44 [...] insofern besteht also gar keine Möglichkeit, ihm einen Strick daraus zu drehen. [...] Er selber, sagt er ja, hatte ein Gefühl der großen Scham und der Schuld auch, obwohl es ja keine richtige Schuld war. Er konnte darüber nicht sprechen, und je länger das dauerte, je weniger. Dass er es dann überhaupt getan hat, davor ziehe ich meinen Hut!"

Doppelzüngig
Hellmuth Karasek, auf die Frage, warum Grass sich nicht vorher "geoutet" hat: "Ich bin der festen Überzeugung, hätte er sich zur Waffen-SS bekannt, hätte er den Nobelpreis nicht bekommen, trotz seiner außergewöhnlichen literarischen Leistung. [...] Dass er impertinent alle anderen, die ihre politischen Karrieren verschwiegen hatten während der Nazi-Zeit, unnachgiebig verfolgt hat, das finde ich eine Doppelzüngigkeit, eine furchtbare Heuchelei, und davon bin ich wahnsinnig enttäuscht [...] Das ist ja wie einer, der Wasser predigt und sich täglich mit Wein vollsäuft. [...] Ich fände es eigentlich angemessen, dass er das Geld, das er für den Nobelpreis bekommen hat, in Gänze einer Wiedergutmachens-Stiftung, die Opfer des Waffen-SS-Staates betreut, anvertrauen sollte. Ich glaube sogar, er könnte sich das leisten."

Walter Jens über den Medienrummel zum Thema Grass: "Ich kann mich darüber nicht erregen, über diese jetzt aufgemotzten Geschichten, sondern ich denke: Wie gut, dass er so weit gekommen ist, auch dieses Kapitel noch zu erledigen. [...] Er hat wenig, wenn man ihn angriff, zurückgeschlagen, und das ist weise. Ich sage: 'Günter, Chapeau', das genügt."

Enttäuschter Freund
Lars Gustafsson, schwedischer Schriftsteller, auf die Frage, ob er enttäuscht sei von seinem Freund Günter Grass: "Ich bin sehr berührt. Das ist wirklich vollkommen unbegreiflich. Jetzt hat er eine Vergangenheit, die offenbar nicht zu bewältigen war. Ich bin traurig. Wir glauben, Menschen zu kennen. Tun wir aber nicht. [...] Grass wird inkonsequent als moralische Instanz."

Robert Schindel, österreichischer Schriftsteller, über den späten Zeitpunkt von Grass' Bekenntnis und den Vorwurf einer "PR-Aktion": Er hatte den Mut, spricht es aus. Das hätte er nicht machen müssen. Das zeugt von einer wirklichen Größe. [...] Es ist das Menschenrecht eines jeden, selber zu bestimmen, wann er mit Sachen rausrückt, die ihn bedrücken und die ihm wichtig sind. Entscheidend ist für mich, dass er es gemacht hat. [...] Die Deutschen tun sich mit der Bearbeitung ihrer Geschichte sowieso schwer, aber wenn sich Geschichte in ein Tugend-Deutschland verwandelt ... [...] das finde ich im höchsten Maß lächerlich und ist für einige Intellektuelle, die sich in diese Richtung geäußert haben, direkt empörend! [...] Schriftsteller vom Rang eines Grass haben PR nicht nötig."

Verfehlte Lebensaufgabe
Michael Wolffsohn, Historiker, über die Bedeutung der Bekenntnisse für Grass' Lebenswerk: "Grass ist vollkommen beschädigt. Es sind schöne Worte übrig geblieben, ohne Werte. Die wunderbaren Worte dieses großen Poeten sind Fassade. Mehr nicht. [...] Ich kann [...] feststellen, dass der großartige Dichter Günter Grass - gerade er hätte mit seiner Biografie und Wortgewalt Brücken bauen können, ja müssen - seine eigentliche Lebensaufgabe verfehlt hat."

Yoram Kaniuk, israelischer Schriftsteller. "Grass 'ist' Deutschland. Deshalb verstehen die Deutschen ihn nun nicht. [...] Sein Buch 'Katz und Maus' ist das aufrichtigste Werk, das er je geschrieben hat. Als ich es vor vielen Jahren las, dachte ich mir: Dieser Mann hat Einiges zu verbergen. [...] Für mich war das jetzt keine Überraschung, obwohl ich nie wusste, dass er in der SS war. Aber seine ganze Persönlichkeit, all seine Ideen und so weiter: Für mich war er ein Faschist der Linken. [...] Ich habe ihm seinen Moralismus nie abgenommen, niemals."

Schädliches Schweigen
Uri Avnery, israelischer Schriftsteller, über die Bedeutung von Grass' Bekenntnis für seine Werke: "Ich glaube, die Tatsache, dass er es verschwiegen hat, ist vielleicht schädlicher als die Sache selbst. [... ] Ich versuche zu verstehen, warum er das verschwiegen hat. Ich nehme an, dass es für ihn schon damals eine Krise gab - aber wenn das so wunderbare Werke wie die Blechtrommel erzeugt hat, kann ich eigentlich nicht böse darüber sein. [...] Er hat den Nobelpreis bekommen für sein literarisches Werk. Das ist ausgezeichnet und ist vielleicht von dieser Sache beeinflusst worden. Ich weiß nicht, ob Günter Grass die 'Blechtrommel' geschrieben hätte, wenn er das nicht durchgemacht hätte."

Entnommen zdf/aspekte vom 16.08.2006 www.aspekte.de
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