Selbstinszenierung der üblen Nachrede: Handke und kein Preis

 
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BeitragVerfasst am: Sa Jun 03, 2006 4:16 am    Titel: Selbstinszenierung der üblen Nachrede: Handke und kein Preis Antworten mit Zitat
Handke und kein Preis
Die Selbstinszenierung der üblen Nachrede


Schlimmer hätte es für Peter Handke nicht kommen können: Wie man eine Jury, einen Preis und einen Autor beschädigt - und am Ende 50000 Euro spart.
Von THOMAS STEINFELD


So geht das nicht: Der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf kann nicht bei Peter Handke anrufen, um ihm mitzuteilen, dass er in diesem Jahr den Heinrich-Heine-Preis erhalten wird, wenn wenige Tage später die Fraktionen des Stadtrats beschließen, die Vergabe zu verhindern. So geht das nicht: Der gewesene Historiker, Museumsdirektor und jetzige Politiker Christoph Stölzl kann nicht Mitglied einer literarischen Jury sein und sich, sobald öffentliche Kritik an deren demokratisch gefasster Entscheidung laut wird, in die Kulissen flüchten und erzählen, der zukünftige Preisträger sei nicht sein Kandidat gewesen. So geht das nicht: Dass sich jetzt Politiker reihenweise zu Wort melden und die Preisvergabe als ¸¸schäbig" , ¸¸nicht denkbar" oder ¸¸unsensibel" kritisieren, während sie zugleich keinen Zweifel daran lassen, die inkriminierten Schriften Peter Handkes nie gelesen zu haben. Wenn die Düsseldorfer Lokalpolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann behauptet, Peter Handke habe ¸¸Mord, Vertreibung, Massenfolter und Vergewaltigung" relativiert, dann irrt sie. Ebenso Fritz Kuhn, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, wenn er kolportiert, Peter Handke habe Slobodan Milosevic verteidigt.

So kommt einiges zusammen: fehlende Sachkenntnis, Mangel an Anstand und Urteilsvermögen, Opportunismus. So groß ist der nun durch haltloses Quatschen eingetretene Schaden, dass es schon kaum mehr lohnt, nach einzelnen Fehlern zu suchen. Gewiss, es war eine schlechte Idee der Jury, die Auszeichnung für ein hohes Maß an ¸¸Eigensinn" zu verleihen. Denn Eigensinn ist nicht schon als solcher etwas Nützliches und Wertvolles. Der ¸¸Eigensinn" als solcher - das war der Kitsch des Widerständigen, mit dem sich der Spontaneismus der siebziger Jahre im intellektuellen Leben breitmachte. Aber sei"s drum. Die Jury hat sich nun selbst desavouiert, in Gestalt ihrer dissidenten Mitglieder, der Oberbürgermeister durch voreiliges Telefonieren, der Stadtrat durch haltloses Urteilen und Richten, und der Heinrich-Heine-Preis muss, der Erhöhung des Preisgeldes auf fünfzigtausend Euro zum Trotz, bis auf weiteres als Farce gelten. Und zu allem Elend kommt hinzu, dass Peter Handke, der doch an dieser Düsseldorfer Geschichte wirklich unschuldig ist, nun als der Dichter wird gelten müssen, der den Preis nicht bekam.

Peter Handke hat am Dienstag in einem kleinen Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die drei wichtigsten Irrtümer richtig gestellt, die über sein Verhältnis zu Serbien, den Serben und zu Slobodan Milosevic im Umlauf sind: Es stimme nicht, dass er die während der jugoslawischen Kriege verübten Massaker verleugnet habe, auch nicht das von Srebrenica. Er habe Slobodan Milosevic nicht als Opfer bezeichnet, und den Vergleich zwischen Serben und Juden, der ihm, wie er sagt, in der großer Aufregung und in einer fremden Sprache unterlaufen sei, habe er umgehend als ¸¸Un-sinn" revidiert - und diese Revision zudem mehrfach wiederholt, zuletzt in einem Artikel für die französische Tageszeitung Libération vom 22. Mai dieses Jahres.

Das habe er getan, schreibt er, ¸¸im Bewusstsein (und aus der Erfahrung), dass jede Einzelne meiner Berichtigungen wieder eine Mehr- und Unzahl neuer und anderweitiger Irrtümer (hm) auslösen wird". Und auch damit hat er offenbar Recht. Nur: die Selbstberichtigung hilft ihm nicht. Selbst wenn er mehrfach erklärt, sich geirrt zu haben, werden die von ihm zurückgenommenen Formulierungen weitergetragen, als handele es sich um unerschütterliche Wahrheiten. Der Heinrich-Heine-Preis wäre eine Gelegenheit, wäre die Gelegenheit schlechthin gewesen, den Automatismus der üblen Nachrede zu unterbrechen. Leider ist diese Gelegenheit nun vertan.

Der Korrektur der landläufigen Irrtümer lässt Peter Handke in seinem kleinen Beitrag die Bitte folgen, man möchte die sechs Werke sorgfältig lesen, die er im Lauf der vergangenen fünfzehn Jahre zu Jugoslawien veröffentlicht hat. Ja, das sollte man tun, und man sollte auch die Interviews hinzuziehen, die er während dieser Zeit gegeben hat und in denen er oft auf Serbien zu sprechen kann. Und schließlich dürfte man auch die Bilder nicht vergessen, die Fotografien von seinem Aufenthalt in einer von Bomben zerstörten Fabrik und den Film, den es von seinem Auftritt beim Begräbnis von Slobodan Milosevic in PoZarevac gibt. Man wird viel Dichtung in diesem Werk finden, Episches, auch viel Wahres - und einiges, was irritiert. Handkes Texte und Gesten werden immer dann kritikwürdig, wenn sich in ihnen in die Zuneigung zu den Serben und ihrem Land eine, wenn auch subjektiv vorgetragene Treue zum serbischen Staat und zur Politik der Jahre von 1990 bis 2000 mischt.

Peter Handke ist einer der wenigen deutschsprachigen Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg von internationalem, bleibendem Rang, ein Dichter mit einem großen Werk, ein Schriftsteller von großer Wahrhaftigkeit, Akribie und Sprachgewalt. Das Offensichtliche an diesem Umstand hat zu einem sonderbaren Konsens im Urteil über seine Person geführt: ja, er sei ein wunderbarer Autor, lautet dieser faule Kompromiss, aber in seinen politischen Überzeugungen hänge er einer Privatmythologie an und sei gleichsam nicht zurechnungsfähig. Es ist an der Zeit, dieses bequeme Auseinander zu revidieren. Denn warum war Peter Handke beim Begräbnis? Um dem verstorbenen Präsidenten und mutmaßlichen Kriegsverbrecher die Treue zu bewahren? Gewiss, es gibt die fatale Symbolik einer solchen Szene, und sie befremdet. Und doch kennt man die Motive Peter Handkes nicht. Man sollte ihn danach fragen, und wenn man mit der Auskunft nicht zufrieden ist, dann sollte man noch einmal fragen.

Einige Tage vor seiner Reise nach Serbien war in Le Monde ein Artikel erschienen, der von PoZarevac als von einer ¸¸seelenlosen Stadt" sprach. Die abfällige Formulierung hat ihn aufgebracht. In einem Artikel mit dem Titel ¸¸Sprechen wir also über Jugoslawien", der in der Libération vom 10. Mai 2006 erschien, hat er sich mit solchen ¸¸ausschließlich präfabrizierten Worten, unendlich oft wiederholt, gebraucht wie automatische Waffen" auseinander gesetzt. Möglicherweise haben die Selbstgerechtigkeit und das pauschale Urteil, die in solchen Worten stecken, etwas mit seiner Abreise zu tun gehabt? Und mit all seinen Reisen nach Serbien, und mit den Werken, die daraus entstanden sind? Und wäre es nicht furchtbar, wenn die einzige Antwort, die er auf ein solches Insistieren bekommt, nur in präfabrizierten Worten wie ¸¸unerhört" , ¸¸skandalös" oder ¸¸unsensibel" bestehen? Der Suhrkamp Verlag spricht schon von der ¸¸Ächtung" seines Autors. Noch ist das übertrieben. Aber wie lange noch?

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.124, Mittwoch, den 31. Mai 2006
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BeitragVerfasst am: Do Jun 08, 2006 3:03 am    Titel: Handke, Handke, nichts als Handke... Antworten mit Zitat
Die Debatte um den österreichischen Schriftsteller reißt nicht ab

Peter Handke, so umstritten wie selten zuvor © ap

Er ist zweifellos ein Literat von Weltrang: der gebürtige Kärntner mit slowenischen Wurzeln, Peter Handke. Mit seiner vehementen Parteinahme für Serbien gerät er seit Jahren regelmäßig ins Kreuzfeuer der Kritik. Die renommierte Comédie-Française hat Handkes Stück "Das Spiel vom Fragen" kürzlich abgesetzt, weil er beim Begräbnis von Slobodan Milosevic eine Rede gehalten hat. Jetzt soll der Autor mit einem der renommiertesten deutschen Literaturpreise ausgezeichnet werden: dem Heinrich-Heine Preis der Stadt Düsseldorf. Hat er diesen Preis verdient?

Peter Handke hielt beim Begräbnis von Slobodan Milosevic im März 2006 eine Grabrede, in der er sich von der so genannten Welt, die angeblich alles weiß, distanziert: "Ich weiß, dass ich nichts weiß. Ich kenne die Wahrheit nicht, aber ich schaue zu, höre zu, fühle und weiß, warum ich hier bin: anwesend in der Nähe von Jugoslawien, in der Nähe von Serbien, in der Nähe von Slobodan Milosevic. Danke." Während Peter Handke seine Anwesenheit als Gegengewicht zur herrschenden Meinung und Sprache verstanden wissen wollte und nicht als Loyalitätserklärung an Milosevic, sahen viele darin eine Verhöhnung der Opfer. Eine Beleidigung der vielen Toten sei nun auch die Verleihung des Heine-Preises an Peter Handke, meinen einige - unter ihnen auch Erhard Busek, EU-Sonderbeauftragter für Südosteuropa. Er sagt: "Ich habe ihn inhaltlich immer verteidigt. Ich habe aber kein Verständnis für die Leichenrede gehabt - das ist eine politische Aktion. Mir kann keiner einreden, dass das etwas mit Literatur zu tun hat."

"Dichter der Ränder"
Handke also ein Politiker? Literarisierung von Politik statt Politisierung von Literatur? Handke-Befürworter sehen das anders. Peter Handke sei "der Schriftsteller gegen den Krieg", sei ein "Dichter der Ränder" und als solcher habe er stets das nicht zuletzt in den Medien Übersehene und Nicht-Beachtete angesprochen, das, was hinter Klischees, Meinungen und Vorurteilen verschwindet. Und eben darum gehe es Handke auch in Zusammenhang mit dem ehemaligen Jugoslawien. Und für die Position des permanenten Widerstandes verdiene er durchaus den Heinrich-Heine-Preis. Das sei es, was zählt in diesem Fall. "Handke ist als Privatmann nach Serbien gefahren", meint denn auch der Literaturwissenschafter Klaus Amann. "Das mag man gut finden oder nicht. Tatsache ist, dass Busek einer Partei angehört. Ich denke, dass das ein gravierenderes Problem ist als die Privatmeinung eines Schriftstellers."

Unterstützung bekommt Peter Handke auch von Schriftsteller-Kollegen. Marlene Streeruwitz etwa wertet die Absetzung von Handkes Stück in Frankreich als Folge der Anwesenheit beim Milosevic-Begräbnis als Zensurmaßnahme, die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises als verdiente Auszeichnung. Hat Peter Handke mit seiner Rede am Grab von Milosevic seine Kritiker nicht geradezu herausgefordert? "Geschickt war das nicht", bekennt die Schriftstellerin. "Aber soll ein Autor geschickt handeln? Soll ein Autor schon Anpassungspakete schnüren? Es war kein Sieger, der da stand, es war ein trauernder Mensch, und das Recht muss er schon haben."

Eine eigene Wahrheit zurechtgebastelt
Das sieht der Journalist und Kolumnist Hans Rauscher anders: "Handke hat sich in Sachen Ex-Jugoslawien eine eigene Wahrheit zurechtgebastelt, der man so weit folgen kann, wie er meint, man müsse auch die Leiden der serbischen Bevölkerung bedenken. Aber bei seiner Verhöhnung der 'Opfermienen' der Belagerten von Sarajewo hört es schon wieder auf", schrieb er kürzlich. Und von "Martermienen" war bereits in Peter Handkes vor zehn Jahren erschienenem Bericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" die Rede: Handke wollte darin die Serben als vom Krieg betroffene Zivilisten zeigen und sie gegen eine pauschale Verurteilung als Aggressoren und potenzielle Kriegsverbrecher in Schutz nehmen. Das Buch provozierte einen Entrüstungssturm. "Die Problematik bei ihm besteht darin, dass er sich nicht damit begnügt, die Leiden der serbischen Zivilbevölkerung zu schildern", so Rauscher. Seine Sympathie für Milosevic habe Handke gezeigt, als er auf dem Begräbnis auftauchte. Und Milosevic war verantwortlich für Massenmord. "Das ist keine Frage."

In Sachen Heinrich Heine-Preis kritisiert Rauscher vor allem die Begründung der Jury, die lautet: "Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung." Für den Journalisten Hans Rauscher ist das "eine klare Anspielung darauf, dass Handke in Bezug auf den Völkermord auf dem Balkan eine andere Wahrheit hat. Und das halte ich für skandalös - die Fakten liegen auf dem Tisch".

Das ist sie also: die neue Debatte rund um den neuen, alten Handke. Eine Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Standpunkten scheint zur Zeit unmöglich. Ob Handke nun den Preis im Dezember tatsächlich verliehen bekommen wird? Die Entscheidung der unabhängigen Jury muss vom Rat der Stadt Düsseldorf, die den Preis vergibt, erst noch bestätigt werden.
Quelle: 3Sat/Kulturzeit

www.3sat.de/kulturzeit
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