Abschied von l?cherlichen Hoffnungen

 
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Anmeldungsdatum: 26.05.2005
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BeitragVerfasst am: Sa Feb 25, 2006 4:00 am    Titel: Abschied von l?cherlichen Hoffnungen Antworten mit Zitat
Abschied von l?cherlichen Hoffnungen
Die Utopie der Integration von Lorenz J?ger

Es scheint, als seien die Tabus, mit denen unsere Gesellschaft in den vergangenen Jahren leben musste, am Abschmelzen. Der internationale Streit ?ber die Mohammed-Karikaturen und der t?rkische Film "Tal der W?lfe" haben dazu gef?hrt, dass man in der Presse ?ber vieles redet, was lange durch politische R?cksichtnahmen gesch?tzt war.

Samuel Huntingtons Formel vom "Kampf der Kulturen", noch vor kurzem als Ausgeburt eines hoffnungslos reaktion?ren Denkens bel?chelt, hat es in die Leitartikel der gro?en Zeitungen geschafft. Diskutiert werden muss nun auch ?ber die Frage, ob die europ?ischen Gesellschaften eine muslimische Zuwanderung in dem Ausma?, wie wir sie erleben, noch verkraften k?nnen. Dabei sind die Aufregungen ?ber die d?nischen Karikaturen nur der Anlass, der Ausl?ser, nicht aber der eigentliche Grund. Der liegt tiefer, er liegt in der Demographie. Die muslimische Bev?lkerung w?chst schneller als die alteingesessene, der Moment ist absehbar, an dem sie in den Ballungsr?umen die Mehrheit stellen wird. Und damit ist ein gro?es Fragezeichen hinter alle L?sungsvorschl?ge gesetzt, die nun von der politischen Klasse angeboten werden.

Ich rede vor allem von dem Zauberwort "Integration". Denn hunderttausend Menschen, ja eine Million, lie?en sich gewiss integrieren. Der zwanglose Zwang der Mehrheitsgesellschaft und ihrer kulturellen Tradition ist in diesem Fall so sp?rbar, dass den Zugewanderten nur die Anpassung bleibt. Anders aber stellt sich die Sache dar, wenn eine bestimmte kritische Zahl ?berschritten wird, wenn die bisherige Minderheit einen Schwellenwert erreicht.

Huntington hat es f?r den S?den der Vereinigten Staaten glaubhaft gemacht, dass die mexikanische Einwanderung eben nicht mehr im alten Sinne eines "Schmelztiegels" integrierbar ist, sondern, indem sie sich angesichts ihrer schieren Zahl auch ihrer Macht bewusst wird, attraktivere Optionen als die der Integration entdeckt. Aber genau dies darf im politischen Diskurs nicht vorkommen, der notorisch auf Optimismus verpflichtet ist und die Frage der Macht meidet, obwohl er doch von nichts anderem als den Machtverh?ltnissen begr?ndet wird.

K?rzlich sprach ich mit einem angesehenen deutschen Bev?lkerungswissenschaftler, der in lockerer, fast heiterer Stimmung die Zukunftsaussichten umriss: Nat?rlich, so erkl?rte er mir, werden aus den Stadtvierteln, in denen der Ausl?nderanteil den Schwellenwert ?bersteigt, die Alteingesessenen wegziehen, wenn es ihre wirtschaftliche Lage erlaubt. Und nat?rlich, so f?gte er mit einer etwas unheimlichen Gelassenheit hinzu, sei ja die europ?ische Kultur nicht die erste, die durch eine V?lkerwanderung verdr?ngt zu werden drohe.

Und nat?rlich, so m?chte ich hinzuf?gen, ist der finanziell arrivierte Teil der Multikulturalisten der erste, der nach Privatschulen f?r den Nachwuchs suchen wird, wenn an den staatlichen Schulen die Pr?senz von Kindern mit muslimischem Hintergrund sich der Marke von hundert Prozent n?hert. Sagen wir es deutlich: eine Integration jener drei?ig Prozent m?nnlicher t?rkischer Jugendlicher ohne Hauptschulabschluss wird es nicht geben.

Was aber ist der Grund unserer Neigung zur Selbstt?uschung? Es mag eine fundamentaldemokratische Idee sein, der Glaube an die politische Planbarkeit von Verbesserungen des Menschen selbst. Er soll gleich sein, und zwar nicht nur vor dem Gesetz, sondern schlechthin in allen seinen Eigenschaften und F?higkeiten, also sind Hinweise auf die Ungleichheit oberstes Tabu. Es ist der Bogen einer egalit?ren Utopie, der sich von ganz links bis in Teile der CDU erstreckt. Wie allen Utopien, so liegt auch der deutschen ein geschichtsphilosophischer Optimismus zugrunde. Insofern ist der Konservative, der den Glauben an Utopien verloren hat oder nie teilte, in eine gar nicht zuf?llige, sondern strukturelle Randstellung verwiesen. Man vermutet von ihm, dass er sozusagen aus b?sem Willen sich dem Guten in der Welt und seiner Durchsetzung verweigert, ja dass er das Schlimmere mit seiner Skepsis erst herbeiredet. Wie immer ist der Bote schuld, der die schlechte Nachricht ?berbringt.

Der amerikanische Journalist Henry Louis Mencken hat vor einem Menschenalter in seinem Buch "Demokratenspiegel" wundersch?n formuliert, was unseren Diskurs bestimmt: "Der Mann" sagt Mencken, "der sich l?cherlichen Hoffnungen hingibt, ist, wie es scheint, auf irgendeine Art ein besserer B?rger als derjenige, der auf die Wahrheit hinweist." Von diesem Aberglauben, dass gut ist, wer an ein gutes Gelingen noch der illusorischsten Ideen glaubt, ist die Integrationsdebatte in der Bundesrepublik bestimmt.


Lorenz J?ger, geboren 1951, ist Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Zuletzt erschien von ihm das Buch "Adorno. Eine politische Biographie" bei der Deutschen Verlagsanstalt.

gesendet am 23./02./'06 dradio Kultur
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