Verfasst am: Di Dez 11, 2007 5:31 am Titel: MEDIKAMENTENKAMPAGNE VON ÄRZTE OHNE GRENZEN
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NEWSLETTER DER MEDIKAMENTENKAMPAGNE VON ÄRZTE OHNE GRENZEN
Abonnement per Mail an mailto:medikamentenkampagne@aerzte-ohne-grenzen.de
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* INHALTSVERZEICHNIS
1. Aktiv werden für bezahlbare Medikamente
2. Neue HIV-Zahlen veröffentlicht
3. Bericht zu Aids-Medikamentenpreisen veröffentlicht
4. Global Fund-Konferenz in Berlin
5. WHO-Arbeitsgruppe tagt zu öffentlichen Gesundheitsfragen,
Innovation und geistigem Eigentum
6. Ärzte ohne Grenzen startet Ernährungskampagne
Liebe Leserin, lieber Leser,
Kurz nach dem Welt-Aids-Tag erscheint die erste Ausgabe des
Newsletters der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen in
Deutschland. Wie schön, dass Sie sich für unsere Arbeit interessieren.
Die Kampagne setzt sich für den Zugang zu lebensnotwendigen
Medikamenten in ärmeren Ländern ein. Jedes Jahr sterben Millionen
Menschen an behandelbaren Infektionskrankheiten - weil sie entweder
die vorhandenen Medikamente nicht bezahlen können, oder weil es gar
keine wirksamen Medikamente gibt.
Ärzte ohne Grenzen hat die Kampagne aus der Erkenntnis heraus
gestartet, dass medizinische Versorgung praktisch unmöglich ist, wenn
keine Medikamente verfügbar sind. Wir wollen diesen Zustand nicht
hinnehmen und arbeiten daran, diesen Missstand darzustellen und Druck
auf wichtige Akteure auszuüben. Hierzu gehören die Pharmaindustrie und
politische Entscheidungsträger in den Industrieländern, aber auch in
Schwellen- und Entwicklungsländern.
Auch Sie können auf das Problem, das viele Menschenleben bedroht,
aufmerksam machen und einen Beitrag leisten. Neben Informationen rund
um das Thema werden Sie in den Newslettern immer wieder Mitmach- und
Aktionsmöglichkeiten finden. Wir fordern Sie auf, aktiv zu werden, sei
es, indem Sie unseren Newsletter an Interessierte weiterleiten oder
auf die Website
http://tinyurl.com/ysr3a8 aufmerksam
machen. Sie können uns für Vorträge zum Thema einladen oder an
direkten Aktionen teilnehmen. Zum G8-Gipfel beispielsweise haben 50
Aktivistinnen und Aktivisten eine Woche lang auf einem Segelschiff
gelebt und mit Aktionen, Bannern und Flyern Zugang zu lebenswichtigen
Medikamenten gefordert. (Das Video zur Aktion gibt es unter unter
http://tinyurl.com/2czlrt
) Jede Anregung, jede Idee ist willkommen. In regelmäßigen Treffen in
verschiedenen Städten wollen wir uns über Strategien und Aktionsideen
austauschen, und natürlich zusätzlich zu diesem Newsletter auch über
aktuelle Entwicklungen informieren.
Gerade bei dieser ersten Ausgabe freuen wir uns sehr über Feedback!
Um den dreimonatlichen Newsletter zu abonnieren, schicken Sie bitte
eine E-Mail mit dem Betreff "subscribe" an die E-Mail-Adresse:
medikamentenkampagne@aerzte-ohne-grenzen.de , Sie werden dann in den
Verteiler eingetragen. Bitte schicken Sie diesen Newsletter auch an
interessierte Freunde und Bekannte, oder an Mailinglisten und
Newsgroups, bei denen dieser Newsletter willkommen ist.
Beste Grüße aus Berlin,
Oliver Moldenhauer und Katrin Hünemörder, Medikamentenkampagne
+49 30 22 33 77-90 und -94
mailto:medikamentenkampagne@aerzte-ohne-grenzen.de
* NEUE HIV-ZAHLEN VON UNAIDS ERSCHIENEN
Die Zahlen der HIV-Infizierten weltweit wurden Ende November aufgrund
genauerer Studien von UNAIDS zwar nach unten korrigiert, dennoch muss
der Kampf gegen Aids verstärkt werden. Nur so gibt es Hoffnung, die
Pandemie stoppen zu können: Mehr als 33 Millionen Menschen weltweit
tragen das HI-Virus in sich. Allein im Jahr 2007 werden 2,1 Millionen
Menschen an Aids sterben, 2,5 Millionen werden sich in diesem Jahr mit
dem HI-Virus neu infiziert haben und jeden Tag kommen 6.800 hinzu.
Immer noch haben weniger als ein Drittel der an Aids Erkrankten Zugang
zu Behandlung und medizinischer Versorgung und es bleibt eine
erschütternde Wahrheit: Nach wie vor ist Aids die häufigste
Todesursache auf dem afrikanischen Kontinent.
Die Medikamentenkampagne setzt sich weiter für die Preissenkung von
antiretroviralen Medikamenten ein. Diese lebensverlängernde Behandlung
muss für alle Menschen, die sie brauchen, zugänglich sein. Hohe Preise
verhindern dies: Die Patienten können die Behandlung nicht bezahlen,
Aids-Programme geraten in Finanzierungsschwierigkeiten. Die zunehmende
Globalisierung des Patentrechts verschärft das Problem der
Medikamentenpreise. Inzwischen ist allgemein anerkannt, dass das
Patentsystem nicht dazu geeignet ist, das Problem fehlender Forschung
und Entwicklung für vernachlässigte Krankheiten zu lösen. Die Kampagne
unterstützt deshalb verschiedene Bemühungen, innovative
Finanzierungskonzepte für Medikamentenforschung und –produktion zu
entwickeln. (s.u. - IGWG-Prozess)
* BERICHT ZUR PREISENTWICKLUNG ANTIRETROVIRALER MEDIKAMENTE
ERSCHIENEN
Ärzte ohne Grenzen veröffentlichte im Juli dieses Jahres die 10.
Auflage von "untangling the web", ein Bericht zur Preisentwicklung von
antiretroviralen Medikamenten zur HIV-Behandlung. Die Kosten für
Medikamente der bisher verwendeten ersten Therapielinie sind drastisch
gefallen. Im Jahr 2000 lag der Preis noch bei 10.000 US$ pro Jahr und
Patient, heute kostet die Therapie aufgrund von Wettbewerb zwischen
Generikaherstellern nur noch 99 US$ pro Jahr und Patient.
Hauptproduzent dieser Nachahmerpräparate ist Indien. Allerdings
empfielt die WHO nun ein verbessertes Medikament für die
Erstbehandlung. Eine Tenofovir-basierte Therapie hat deutlich weniger
Nebenwirkungen als der bisherige Standard, kostet jedoch aufgrund der
unklaren Patentsituation noch das fünffache. Damit ist Tenofovir für
Patienten in Entwicklungsländern kaum zu bezahlen.
Noch größer ist das Problem bei Medikamenten der zweiten
Behandlungslinie, die Patienten dann erhalten, wenn sie Resistenzen
gegenüber den Anfangspräparaten entwickelt haben. Die generische
Massen-Produktion dieser neueren Medikamente kommt nicht richtig in
Gang, da in Indien über entsprechende Patentanträge der großen
Pharmafirmen noch nicht entschieden ist. Generischer Wettbewerb findet
damit nicht statt, die Preise bleiben hoch. In ein paar Jahren werden
viele Menschen auf diese Medikamente angewiesen sein. Damit diese
Menschen dann weiterhin behandelt werden können, muss der Preis für
Medikamente der zweiten Behandlungslinie stark fallen.
Für die nächsten Monate steht in Indien die Entscheidung über Patente
für Tenofovir und verschiedene Medikamente der zweiten
Behandlungslinie an. - Ärzte ohne Grenzen unterstützt die Einsprüche
indischer Bürgerrechts- und Patientengruppen, die gegen die
Patentanträge protestierten.
Mehr Infos zu Patentrechtsstreitigkeiten und Hintergrundinfos zur
indischen Generikaproduktion:
http://tinyurl.com/2x9qtb
* GLOBAL FUND STOCKT MITTEL AUF FÜR DEN KAMPF GEGEN HIV/AIDS,
TUBERKULOSE UND MALARIA
Problem zu hoher Medikamentenpreise wird kaum berücksichtigt
Auf der zweiten Geldgeberkonferenz für den Globalen Fonds zur
Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria versprach die deutsche
Regierung Ende September in Berlin 600 Millionen Euro, die in den
kommenden drei Jahren für den Kampf gegen HIV/Aids, Tuberkulose und
Malaria verwendet werden können. Insgesamt wurden für den Zeitraum
2008 bis 2010 von den Geberländern fast 10 Milliarden Dollar zugesagt.
Das liegt weit hinter den Forderungen des deutschen Aktionsbündnisses
gegen Aids, bei dem Ärzte ohne Grenzen Mitglied ist. Um die drei
Krankheiten effektiv bekämpfen zu können, sind den Berechnungen
zufolge 18 Milliarden Dollar für die nächsten drei Jahre notwendig.
Dennoch ist es ein Teilerfolg, dass die deutsche Regierung eine
Erhöhung der Mittel ankündigt.
Ärzte ohne Grenzen machte im Rahmen eines Zivilgesellschaftsforums des
Aktionsbündnisses gegen Aids auf das Problem der zu hohen
Medikamentenpreise für die zweite Behandlungslinie von
HIV-Medikamenten aufmerksam.
* WHO-ARBEITSGRUPPE SUCHT LÖSUNGEN FÜR ENTWICKLUNG VON NEUEN
MEDIZINISCHEN PRODUKTEN
Zwei Millionen Menschen sterben jährlich an Tuberkulose. Hauptsächlich
geschieht das in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und in Afrika,
dort tritt Tuberkulose häufig als opportunistische Infektion bei
HIV/Aids auf. Dass Tuberkulose heute noch so ein gravierendes Problem
in vielen Teilen der Erde ist liegt daran, dass sowohl Diagnose- als
auch Therapiemöglichkeiten völlig unzureichend sind. Die Therapie
dauert zwischen sechs und acht Monaten, die zur Verfügung stehenden
Medikamente sind Jahrzehnte alt. Die Behandlung ist eine enorme
Belastung für die Patienten, sie dürfen nicht mit ihren Kindern
spielen oder ihre Lebenspartner berühren. Häufig entwickeln Patienten,
ähnlich wie bei HIV-Medikamenten, Resistenzen gegen die Therapie. Für
diese so genannte MDR-TB (multi-drug-resistant tuberculosis) sind bis
zu 24 Monate Behandlung notwendig, die häufig mit starken
Nebenwirkungen einher geht.
Tuberkulose ist eine Armutskrankheit, ihre Übertragung wird gefördert
durch schlechte hygienische Bedingungen. Es gibt keinen Anreiz für
Pharmafirmen, einen neuen Wirkstoff gegen Tuberkulose zu entwickeln,
da die Patienten das Medikament höchstwahrscheinlich gar nicht
bezahlen könnten.
Ärzte ohne Grenzen ist der Meinung, dass viel zu wenig Forschung für
Diagnostik und Behandlung geschieht und stößt auf offene Ohren der
Weltgesundheitsorganisation.
Die WHO hat erkannt, dass gerade für Krankheiten, die häufig arme
Menschen betreffen oder nicht so häufig vorkommen, neue Mechanismen
notwendig sind, um Forschung und Entwicklung zu stimulieren. Sie
setzte eine Arbeitsgruppe aus Regierungsvertretern zahlreicher Länder
ein. Deren Aufgabe ist es, einen Aktionsplan zu entwickeln, der
sicherstellen soll, dass neue medizinische Produkte entwickelt werden
und die existierenden bezahlt werden können.
Die Arbeitsgruppe (IGWG) tagte im November in Genf und wird sich
wieder Anfang 2008 treffen. Ein wichtiges Ergebnis ist das klare
Bekenntnis zum TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation, in dem
Mechanismen für Zwangslizenzen zur Produktion von Medikamenten zum
Schutze der öffentlichen Gesundheit geregelt sind.
Derzeit leiden 20 Millionen Kinder unter 5 Jahren weltweit an schwerer
akuter Mangelernährung - Fünf Millionen Kinder sterben jährlich an
dessen Folgen. Grund genug für Ärzte ohne Grenzen, dieses Problem als
medizinischen Notfall zu behandeln und eine breite Ernährungskampagne
zu starten. Mit einer therapeutischen Fertignahrung, basierend auf
Erdnuss-Milchpaste mit zugeführten Mineralien und notwendigen
Nährstoffen kann das Problem angegangen werden. Die Fertignahrung ist
speziell für kleine Kinder geeignet; denn sie ist leichter zu dosieren
und muss nicht extra zubereitet werden, kann dementsprechend sofort
angewendet werden. Zudem enthält sie alle notwendigen Nährstoffe, was
ein großer Vorteil gegenüber den herkömmlichen Nahrungsmittelhilfen
ist. Die Erfolge, die Ärzte ohne Grenzen mit therapeutischer
Fertignahrung in den Projekten erzielt hat, sind großartig. Vorteil
der Behandlung ist, dass sie ambulant erfolgen kann, wenn es keine
Komplikationen bei den Kindern gibt.
Das Welternährungsprogramm (WFP) und andere Organisationen haben
bereits anerkannt, dass therapeutische Fertignahrung wesentlich besser
zur Behandlung schwer mangelernährter Kinder geeignet ist als
herkömmliche Produkte. Diese Erkenntnisse müssen nun allerdings in
entsprechende Programme umgesetzt werden. Um die am meisten
betroffenen Kinder mit therapeutischer Nahrung zu erreichen, sind
weltweit Gelder in Höhe von 750 Millionen Euro nötig. Weiterhin
fordert Ärzte ohne Grenzen, dass mehr Forschung für neue Produkte
betrieben wird, damit die Fertignahrung noch besser an verschiedene
Patientengruppen angepasst werden kann.
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